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kurt svensson (ksvensson@motkraft.net)
Sun, 12 Dec 1999 13:03:10 +0100


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"Ein Gebot des Resthumanismus..."
Aufruf der Freien Volksbühne Berlin für die Freiheit der Gefangenen aus der
RAF
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Der 9. November ist der 25. Todestag von Holger Meins. Das soll nicht
vergessen
werden, auch wenn dieser Tag an noch so viele andere Ereignisse erinnert.
Holger
Meins starb an den Folgen eines Hungerstreiks, mit dem die RAF-Gefangenen die
Isolationshaft bekämpfen wollten. Vieles deutet darauf hin, daß es sich
hier um
einen »staatlich kalkulierten Tod« handelte. Der damalige Anwalt von Holger
Meins, Otto Schily, nannte die Isolationshaft »legale Folter« und
»Verwesung bei
lebendigem Leib«.

Dies geschah zu einer Zeit, in der nicht nur Studenten glaubten, für die
westlichen Gesellschaften gäbe es nur die Alternative Sozialismus oder
Barbarei,
und ein neuer Faschismus in Deutschland sei nur durch revolutionären Kampf zu
verhindern. Zu den damaligen Revolutionären gehörten neben Mitgliedern der RAF
auch viele Menschen, die heute staatstragenden Professionen nachgehen, u.
a. der
heutige Außenminister, der heutige Innenminister und ein bißchen auch der
heutige Bundeskanzler. Deren Einschätzung des »kapitalistischen
Unterdrückungszusammenhangs« unterschied sich damals kaum von den
Überzeugungen
der RAF. Es war ein schmaler Grat, der die militanten Revolutionäre von
anderen
Linksradikalen trennte. Damals schien es eine notwendige Folge humanistischen
Denkens, sich dem wissenschaftlichen Sozialismus zu verschreiben und für die
revolutionäre Aufhebung der bürgerlichen Gesellschaft zu kämpfen. Wenn Heiner
Müller nicht nur ironisch sagte »Der Molotowcocktail ist das letzte
bürgerliche
Bildungserlebnis«, konnte er mit mehr als nur klammheimlicher Zustimmung
rechnen.

Heute ist das Geschichte und ohne politische Relevanz. Die fortschreitende
Globalisierung, das Ende des Ostblocks, der neue Rechtsradikalismus und nicht
zuletzt die Erfahrungen der militanten Bewegungen selbst haben die damaligen
Überzeugungen und Strategien relativiert. Die RAF ist spätestens nach ihrer
Selbstauflösung kein Thema mehr. Und so kommt es, daß auch die Häftlinge der
RAF, die z. T. seit über 20 Jahren im Knast sitzen, aus dem öffentlichen
Bewußtsein verschwunden sind. Man hat sie einfach vergessen. Die ehemaligen
Mitstreiter und Anwälte, die jetzt zu den politischen Entscheidungsträgern des
Staates gehören, schweigen zu diesem Thema, vielleicht, weil sie nicht an ihre
eigene Vergangenheit erinnert werden wollen. Das führt dazu, daß
Entlassungsverfahren, die in Deutschland jedem langzeitinhaftierten
Kriminellen
zustehen und die auch lebenslänglich Verurteilten nach zwölf oder 15 Jahren
die
Freiheit wiedergeben, für diese Häftlinge nicht angewandt werden. Diese
offensichtliche Strafverschärfung für Verbrechen mit einer moralisch-
politischen Motivation entspricht zwar der marktwirtschaftlichen Denkweise,
die
nur den privaten Egoismus gelten läßt, ist aber durch kein Gesetz begründet
und
widerspricht dem Gleichheitsgrundsatz.

Die Unterzeichner fordern die Freilassung der noch einsitzenden Häftlinge der
RAF, von denen viele seit Jahren schwerkrank sind. Es ist dies ein Gebot des
Resthumanismus, ohne den auch diese Gesellschaft nicht existieren kann.
Eigentlich ist die Forderung 25 Jahre nach dem Tod von Holger Meins und in
einer
völlig veränderten Situation nicht mehr als eine Selbstverständlichkeit.

Diesen am Montag veröffentlichten Aufruf unterzeichneten zahlreiche leitende
Theaterleute der Bundesrepublik, darunter die Intendanten Anna Badora, Frank
Baumbauer, Frank Castorf, Roberto Ciulli, Volkmar Clauß, Leander Haußmann,
Nele
Hertling, Knut Hirche, Max K. Hoffmann, Ulrich Khuon, Thomas Langhoff, Paula
Bettina Mader, Christoph Nix, Friedrich Schirmer, Manuel Schöbel, Udo Schoen,
Christoph Schroth, Klaus Stephan, Reinhold Stövesand, Knut Weber, Bernd Wilms,
Udo Zimmermann.

(verlöffentlicht in der jw 10.11.99)

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